Architektur der Steinzeit - Großsteingräber

1.Werbaute die Großsteingräber, der Teufel oder die Riesen ?
2.Großsteingräbersitte |3. Architektur der Großsteingräber |4.Wie baute man ein Großsteingrab?|5.Funktion der Großsteingräber

Währenddie Mehrzahl der archäologischen Fundplätze wie Siedlungen und Flächgräber,Produktionsstätten obertägig nicht sichtbar ist, erschließt die MärkischeEiszeitstraße ein Gebiet, in dem die Großsteingräber der Jungsteinzeit alseindrucksvolle obertägige Bodendenkmale zum Teil sogar das Landschaftsbildbestimmen. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren im Bereich der heutigenBundesländer Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg etwa 1300 Großsteingräberund jungsteinzeitliche Steinkisten nachweisbar. Der ursprüngliche Bestandwird in diesen beiden Ländern auf 2 000 bis 2 200 Anlagen geschätzt. 1976waren in den Listen der staatlich geschützten Bodendenkmale nur noch 452Großsteingräber erfaßt (Sprockhoff 1926; E. Schuldt 1976; R. Schulz 1989/90).

"Hünengräber"

In der Volkssagewerden die Großsteingräber häufig mit dem Teufel oder mit Riesen, auch"Hünen" genannt, in Verbindung gebracht. Die in Norddeutschland geläufigenBezeichnungen "Hünengräber" oder "Riesensteingräber" zeugen davon. Verfolgtman die Äußerungen in der Gelehrtenwelt über die geheimnisvollen "Steingerüste",so wird man Einblicke in den Stand und die Entwicklung natur- und geisteswissenschaftlicherErkenntnis im Mittelalter und in den Zeiten des Humanismus gewinnen. Endedes 17. und im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung begann sichdie moderne Geschichtswissenschaft zu entwickeln und als eine ihrer Disziplinenin ersten Anfängen auch die Archäologie.

Gelehrsamkeitund Volkssage

Anfangs warendie Vorstellungen der Gelehrtenwelt von denen der Volkssage gar nichtweit entfernt. Bereits Ende des 12. Jahrhunderts äußerte der dänischeChronist Saxo Grammaticus, die Großsteingräber seien von Riesen erbautworden. Im 15./16. Jahrhundert, dem Zeitalter der großen geographischenEntdeckungen und Gründung zahlreicher Universitäten , befaßte man sicheingehender mit der Landes- und Ortsgeschichte. Die archäologischen Denkmälerwurden, teils in ein obskures Geschichtsbild eingeordnet, teils als Kuriositätenbetrachtet. Der pommersche Chronist Thomas Kantzow schrieb 1542 über dieGroßsteingräber: "Wenn einer gestorben war, so machten sie ihm ein herrlichesGrab ... sechs große Steine wurden in einen Ring wie ein Sarg in die Erdegesetzt und drei - die allergrößten - darüber gelegt." Er verwundert sichüber die Größe der Steine."In solch einem Grabe haben sie den Toten begrabenund haben ihm allerwege etwas mitgegeben, wozu er im Leben die größteLust hatte. War er ein Reiter, so haben sie ihm den Harnisch in die Grubegelegt. War er aber ein Trinker, so haben sie ihm ein Faß Bier mit eingegraben." (R. Schulz 1983).


1.Wer baute die Großsteingräber, der Teufel oder die Riesen ?
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Während Kantzowoffenbar von menschlichen Maßstäben ausging, gehörten die "Gigantes" selbstnoch im Zeitalter der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert zum realen Geschichtsbildder Gelehrten. Der Kölner Jesuit Athanasius Kircher begründete 1655 "naturwissenschaftlich".ein System von Größenklassen der ehemals in Europa beheimateten Giganten.Er hielt nämlich die fossilen Knochen eiszeitlicher und tertiärer Großsäugetierefür Knochen der Riesen und errechnete daraus ihre unterschiedlichen Größen.Dabei kamen dann im Vergleich zum Menschen Riesengestalten in der Höhevon Kirchtürmen heraus.

Aufklärung

An der BrandenburgischenLandesuniversität Viadrina zu Frankfurt an der Oder wirkte seit 1667 derUniversalgelehrte Johann Christoph Beckmann. Er begründete die moderneLandes-geschichtsschreibung im Fürstentum Anhalt und in der Mark Brandenburg.Beckmann führte selbst Ausgrabungen durch und kannte aus eigener Anschauungzahlreiche Großsteingräber in Deutschland und den Niederlanden. Er hattesogar die berühmte Megalithanlage Stonehenge in England besucht. Beckmanntraute normalen Menschen sowohl die Kraft als auch die Intelligenz zu,die großen Steinblöcke über längere Strecken zu transportieren und dieSteine "50, 60 bis 100 Zentnern ... durch Walzen und andere Maschinenan ihre Stellen zu bringen , die größesten aber über diese in die Höhezu heben". Ein Zeitgenosse Beckmanns, der holsteinische Pastor AlbrechtAndreas Rhode, begnügte sich einfach damit, daß er "... nicht die AlteWelt so gefährlich machen will, daß sie von lauter unmäßlich großen Kerlenbewohnet sei".

Megalithforschungin Mecklenburg, Vorpommern und Brandenburg

Die Erforschungder Großsteingräber nach den Maßstäben der modernen Archäologie begannim Umfeld der Märkischen Eiszeitstraße im späten 19. und im 20. Jahrhundert.Viele Anlagen waren jedoch bereits zerstört oder ausgeraubt. Als Ergebnisumfangreicher Grabungs- und Sammeltätigkeit des Uckermärkischen Museums-und Geschichtsvereins zu Prenzlau veröffentlichte der Löcknitzer ArztHugo Schumann 1904 das bis heute als Standardwert geschätzte Buch "DieSteinzeitgräber der Uckermark".1929 und 1930 untersuchte der BerlinerArchäologe Albert Kiekebusch das Gräberfeld von Wollschow. 1940 bis 1944grub der Stettiner Archäologe Hans-Jürgen Eggers das "multikulturelle"Gräberfeld von Wartin aus, das Gräber vom Neolithikum bis zur VorrömischenEisenzeit erbrachte. 1967 brachte der Kieler Archäologe Ernst Sprockhoffmit dem "Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 2 Mecklenburg, Pommern,Brandenburg" ein wichtiges Grundlagenwerk heraus. Unter der Leitung desSchweriner Archäologen Ewald Schuldt wurden in den Jahren 1964 bis 1973in den damaligen Bezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg 145 Großsteingräberausgegraben. Die zahlreichen Veröffentlichungen aus diesem Forschungsprogrammsind wesentliche Grundlagen der Steinzeitforschung im Ostseeraum.


2. Großsteingräbersitte
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Der großeStein
Die Archäologen bezeichnen die Monumentalbauten als "Megalithbauten" (griechisch:megas = groß; lithos = der Stein). Die Idee, für die Totenbestattung monumentaleGrabkammern aus großen Steinen zu errichten, fand in Norddeutschland beiden Bauern der Trichterbecherkultur Eingang. Sie ist jedoch keineswegsnur für diese Kultur typisch. Megalithgräber wurden in den Ländern rundum das Mittelmeer errichtet. Sie sind an der westeuropäischen Atlantikküste,auf den britischen Inseln, in den Niederlanden, Norddeutschland und Südskandinavienverbreitet. Unklar ist, wo die Sitte entstand, derartige Bauten zu errichten.Fast alle Verbreitungsgebiete wurden schon von den verschiedensten Forschernals Ursprungsgebiete des Megalithbaus vermutet. Älteste MegalithbautenEuropas Die bisher ältesten Radiocarbondaten für Megalithanlagen in Europaliegen um 3900 v.u.Z. aus der Bretagne vor (F. R. Paturi 1999). Die Ideezum Bau der Großsteingräber zur Bestattung der Toten hat sich von Landschaftzu Landschaft ausgebreitet und wurde in verschiedenen Kulturkreisen eigenständigausgeprägt.


3. Architektur der Großsteingräber
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3.1.Urdolmen und Blockkammer |3.2.Erweiterter Dolmen |3.3.Großdolmen |
3.4. Ganggrab
|3.5.Monolithgrab |3.6.Hünenbett und Grabhügel |
3.7. Steinkiste

Der steinerneTisch
In ihrem Aufbau und architektonischen Details unterscheiden sich die Großsteingräberin den verschiedenen Landschaften Norddeutschlands. Die Darstellung mußsich auf diejenigen Grabformen beschränken, die im Gebiet der MärkischenEiszeitstraße und ihrer Nachbarschaft vertreten sind. Man unterscheidetUrdolmen und Blockkammern, erweiterter Dolmen, Großdolmen, Ganggrab, Hünenbettohne megalithische Grabkammer und die Steinkisten. Letztere können ausSteinplatten oder aus Steinblöcken zusammengesetzt sein. Selten nachweisbarsind Monolithgräber. Die häufig für die Großsteingräber allgemein verwendeteBezeichnung "Dolmen" ist aus dem keltischen Sprachbereich hergeleitetund bedeutet der "steinerne Tisch" (bretonisch: taol = der Tisch und maen= der Stein). Die Bezeichnung entstand in Zeiten, als die mit Decksteinenversehenen Grabkammern von den Gelehrten als Opfer- oder Altatrtischeangesehen wurden. Auch der brandenburgische Gelehrte J. C. Beckmann schriebim 17. Jahrhundert noch von "Grabaltären".


3.1. Urdolmen und Blockkammer
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DerUrdolmen ist die älteste Form der Großsteingräber. Die rechteckige Grabkammerbesteht aus vier Steinblöcken, die möglichst mit ihren annähernd glattenSeiten nach innen aufgestellt wurden. Die Wand- bzw. Trägersteine wurdenliegend auf ihren Langseiten nur geringfügig in den Boden eingetieft.An die Schmalseiten wurden Abschlußsteine gesetzt. Die Grabkammer wurdenach der Bestattung mit einem Deckstein verschlossen. Diese Grabkammernwaren ursprünglich wohl nur für die Bestattung einer Person bestimmt.Außen war die Grabkammer mit einem Hügel, der häufig aus Steinen bestand,umgeben. In der Archäologie werden diese Steine, um sie von den Großgeschiebenzu unterscheiden, als "Rollsteine" (abgeleitet von Geröll) bezeichnet.

Urdolmen beiNeuenfeld
(nach E. Sprockhoff, 1967)

Kollektivgrab
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Als man dazuüberging, die Grabkammern wiederholt für Bestattungen zu benutzen, wurdensie so angelegt, daß die Möglichkeit eines Zugangs offen blieb. Somitmußte nicht für jede Bestattung der schwere Deckstein abgehoben werden.Der Urdolmen wurde nunmehr aus einem Abschlußstein und zwei Wandsteinenzusammengesetzt. Vor die offene Seite setzte man einen Schwellenstein.Der so verbliebene Eingang wurde mit Rollsteinen oder Steinplatten zugesetzt.Er konnte bei Bedarf ohne größeren Arbeitsaufwand geöffnet werden.

Die Urdolmenmit Eingang werden im Gebiet der Märkischen Eiszeitstraße eindrucksvollrepräsentiert durch die Anlagen von Trebenow und Neuenfeld sowie das umgesetzteGrab von Schmiedeberg. Meist sind Reste des Rollsteinhügels vorhanden(Neuenfeld, Schmiedeberg). Diese Hügel waren zum Teil rund und an ihrerAußenkante mit einem Steinkranz umgeben. In der Uckermark kommen auchUrdolmen vor, die in die Erde eingesenkt sind. Sie sind meist kleinerals die oben erwähnten Anlagen (E. Schuldt 1975). Einige weisen Eingangsöffnungenauf. Wenn die Grabkammer vollständig in den Boden eingetieft ist, wirdsie auch als "Blockkammer" bezeichnet. im bewußten Gegensatz zur "Steinkiste",die aus schmalen, plattenartigen Steinen zusammengesetzt wurde.


3.2. Erweiterter Dolmen
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DieLangseiten der Grabkammer bestehen aus je zwei aufrecht stehenden Wand-bzw. Trägersteinen. Zwei Trägersteine und der darüberliegende Decksteinbilden ein Joch. Der erweiterte Dolmen ist also aus zwei Jochen zusammengesetzt.An einer Schmalseite wurde die Wand aus einen Schlußstein gebildet. An derzweiten Schmalseite wurde ein schmaler Schlußstein oder ein Schwellensteingesetzt. Dadurch blieb eine Zugangsöffnung frei. Die Ausdehnung des Innenraumsder Grabkammern in den erweiterten Dolmen konnte bis zu 2,50 Meter Länge,1,50 Meter Breite und 1,50 Meter Höhe betragen. Die Zwischenräume zwischenden Wandsteinen wurden sehr sorgfältig durch ein Trockenmauerwerk ausgefüllt,das teilweise mit Lehm verstrichen wurde. Der Boden der Grabkammern warhäufig mit einem Steinpflaster mitunter auch mit gebranntem Feuerstein ausgelegt.Verschlossen wurde die Grabkammer durch zwei Decksteine. Der Eingang konntemit Steinplatten oder Rollsteinen zugesetzt werden. Auch diese Grabkammernwaren mit Hügeln umgeben, die ihrerseits wahrscheinlich mit aufrechtstehendenSteinblöcken eingefaßt waren. Im Bereich der Märkischen Eiszeitstraße sinddie Gräber von Brüssow-Hammelstall, Mürow, Schwaneberg und Stegelitz (mitResten der ehemaligen Steinhügel) Vertreter dieser Grabform.

ErweiterterDolmen von Mürow
(nach E. Sprockhoff, 1967)


3.3. Großdolmen
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DerGroßdolmen entstand aus dem erweiterten Dolmen durch Hinzufügung weitererJoche. Die Wände der Grabkammern sind aus 8 bis 12 Trägersteinen zusammengesetztund mit 3 bis fünf Decksteinen verschlossen. Die Eingangsöffnung befindetsich immer an einer der beiden Schmalseiten. Die Grabkammern überschreitenselten die Läge von 8 Metern und sind bis zu 2,5 Meter breit.


GroßdolmenDedelow (nach E. Sprockhoff, 1967)
DieKammern der Großdolmen standen ursprünglich quer in rechteckigen Langhügeln,die ihrerseits durch Steinsetzungen eingefaßt waren. Das Hauptverbreitungsgebietdieser Grabform liegt in Vorpommern und auf der Insel Rügen. Im Gebiet derMärkischen Eiszeitstraße wird dieser Grabtyp durch die Anlage von Dedelowvertreten. Außerdem existiert die Nachbildung eines Großdolmens bei Lützlow.


3.4. Ganggrab
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Die Gangräbersind im nördlichen Mecklenburg verbreitet. Die Wände bestehen aus 10 bis12 aufrecht stehenden Trägersteinen. 3 bis 5 Decksteine verschließen dieKammern. Der Zugang erfolgt immer durch eine Lücke zwischen den Wandsteineneiner Langseite. Vor die Lücke wurde aus Wandsteinen und Decksteinen einGang gebaut. Der Gang wurde meist an beiden Enden durch Steinplatten verschlossen.Die Ganggräber sind von rechteckigen Hügeln mit Steineinfassungen umgeben.


Ganggrab Wartin(nach E. Kirsch, 1993)

SonderfallWartin

Eine Sonderformbietet das "multikulturelle" Gräberfeld von Wartin. Hier ist in einemHünenbett eine Grabkammer aus Steinplatten in Form eines Ganggrabes angelegtworden (E. Kirsch. 1993). Wurde dieser Grabbau vielleicht in der ungewöhnlichenForm angelegt, weil hier auf der Terrasse des Randow-Urstromtales keineGroßgeschiebe zur Verfügung standen ?


3.5. Monolithgrab
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1938 wurdein der Großen Warthischen Heide ein Findling ausgegraben. Seine Ausmaßeentsprachen denen der Decksteine von Großsteingräbern. Unter dem Steinbefand sich ein Pflaster aus Sandsteinplatten mit drei Steinbeilen undResten einer Kugelamphore - offensichtlich Beigaben einer Bestattung.Solche Gräber, die keine Wand- oder Trägersteine aufweisen und bei denendie Bestattung von einem einzigen großen Stein bedeckt wird, werden alsMonolithgräber bezeichnet (griechisch: monos = eins; lithos = der Stein).Auch in dem multikulturellen Gräberfeld von Wartin wurde ein Monolithgrabmit Hockerbestattung gefunden (E. Kirsch 1993).


3.6. Hünenbett und Grabhügel
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"Kammerlos"
Als "Heldenbetten" oder "Hünenbetten" bezeichneten bereits die alten Histzorikerim 17./18. Jahrhundert die rechteckigen oder trapezförmigen Steinsetzungenum die jungsteinzeitlichen Grabhügel. Heute werden zwei Gruppen unterschieden.Die "kammerlosen" Hünenbetten enthalten keine megalithischen Grabkammern.In ihnen wurden Bestattungen gefunden, deren Grabgruben ähnlich einerWanne mit Steinen ausgesetzt waren. Diese Grabformen sind hauptsächlichin Westmecklenburg und beiderseits der unteren Elbe verbreitet. Die Größe,vor allem die Höhe, der Anlagen ergab sich aus dem Steinmaterial, dasin der Region zur Verfügung stand. Somit fällt das Hünenbett von Wollschowauf der Terrasse des Randow-Urstromtales im Vergleich zu den mecklenburgischenAnlagen eher bescheiden aus. Eine Hünenbett mit großen Wächtersteinenbeschreibt Beckmann (1752) in der Gemarkung Dedelow.

Sie wartendarauf, entdeckt zu werden.
Bei den Großsteingräbern der Uckermark sind heute keine Hünenbetten mehrsichtbar. Nördlich der Straße Stegelitz - Groß Fredenwalde sind die Feldermit einer Vielzahl von Grabhügeln mit rundem Grundriß besetzt. Als Entstehungszeitdieser Gräber wird allgemein die Bronzezeit angenommen. Am Rande dieserGruppe befindet sich jedoch ein auffallend langgestreckter Hügel von 35Meter Länge, 15 Meter Breite und 4 Meter Höhe. Bei der Beräumung des dichtenGestrüpps wurden auf dem östlichen Teil des Hügels drei Trägersteine einerGrabkammer entdeckt, die nur wenig aus der Oberfläche hervorragen. Eshandelt sich anscheinend um einen Urdolmen. Daneben liegt der Rest einesgespaltenen Decksteines. Möglicherweise war dieser Hügel einmal durchein Hünenbett eingefaßt, dessen Steine entweder herausgebrochen wurdenoder mit den über Jahrhunderte abgelagerten Lesesteinen überdeckt sind.Auf dem bewaldeten Kaninchenberg bei Stegelitz befinden sich die starkgestörten Reste einer megalithischen Grabkammer in einem Hügel, der Restevon zwei Steinreihen aufweist. Nordwestlich von Mellenau liegt zwischenWiesen und Brüchern der "Godenkirchhof", ein beeindruckender Grabhügelvon etwa 2,50 Meter Höhe. Um das Jahr 1900 war er mit großen Steinblöckeneingefaßt. Diese wurden für den Straßenbau zerschlagen und abgefahren.Auch in diesem Hügel dürfte sich ein jungsteinzeitliches Großsteingrabverbergen. Es ist anzunehmen, daß sich auch in den anderen Langhügelnunter den uckermärkischen Bodendenkmalgruppen noch weitere Großsteingräberverbergen.


3.7. Steinkiste
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Die Steinkistengehören wegen ihrer geringeren Größe nicht mehr zu den Großsteingräbern.Hier besteht die Grabkammer aus vier eher plattenförmigen (bis zu 20 cmstarken) Seitensteinen. Sie wurde vollständig in den Boden eingesenkt.Mitunter kann eine Seite auch aus zwei plattenförmigen Steinen bestehen.Die Kammern waren mit einer Steinplatte oder einem Block abgedeckt.

DerÜbergang zu den Block-Kammern, deren Wände aus dickeren Steinblöcken bestehen,ist fließend. Als Baumaterial für die Steinkisten wurde das in der Regionvorhandene plattige bzw. spaltbare Gestein verwendet. Die Ausmaße der Steinkistensind in der Regel für die Bestattung einer Person ausgelegt (E. Kirsch 1994).Jedoch enthielten einige Steinkisten die Überreste mehrerer Personen. Manchmalsind Steinkisten von einem flachen Grabhügel umgeben. Bei Stolzenhagen wareine Steinkiste mit zwei bestatteten Personen offenbar in einen älterengroßen Grabhügel eingetieft.

SteinkisteWollschow
(nach E. Schuldt, 1974)


4. Wie baute man ein Großsteingrab?

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Transportdes Baumaterials |Bauder Grabanlage |Arbeits-und Zeitaufwand

Die SchwerinerArchäologen Ewald Schuldt (1972; 1976) und Erika Nagel (1984) haben dieArbeitsvorgänge nach den Ergebnissen Grabungs- und Forschungsprogramms1964-1973 zusammenfassend geschildert.


Transport des Baumaterials
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Als ersteswurden als Baumaterialien geeignete Großgeschiebe in den Siedlungsgebietenund deren weiterer Umgebung aufgesucht. Diese mußten gegebenenfalls ausgegrabenwerden. Man bevorzugte Steine, die, bedingt durch die eiszeitliche Gletschertätigkeit,wenigstens eine plangeschliffene Fläche aufwiesen. Zum Spalten von Steinblöckenwurden in der Jungsteinzeit mit Hilfe von Wasser, Feuer, Keilen und KeulenVerfahren angewendet, die noch im 19. Jahrhundert bei den Steinschlägernin Norddeutschland und Dänemark beobachtet wurden. Der Transport der Bauelementezum Bauplatz war eine aufwendige Arbeit. Die tonnenschweren Blöcke wurdenauf Rollen aus Baumstämmen bewegt. Damit sich die Rollen unter dem Gewichtdes Steins nicht in den Boden drückten, wurden andere Stämme oder Balkenals Schienen in der beabsichtigten Bewegungsrichtung untergelegt. AuchTransportgestelle in Form von Schlitten oder Schleifen konnten zum Einsatzkommen. Mit Hilfe von Hebebäumen, Keilsteinen und Keilen wurde der Steinauf das Transportmittel gehebelt. Mit Seilen konnte er nun gezogen werden.In abschüssigem Gelände waren Keile als Bremsen wichtig. Sollte der Steinausschließlich mit Menschenkraft bewegt werden, so ist mit 15 Arbeitskräftenpro Tonne Gewicht zu rechnen. Vielleicht wurden Rinder als Zugtiere eingesetzt.


Bau einesGroßsteingrabes (Zeichnung: U. Schwert)


Bau der Grabanlage
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Auf demvorbereiteten Bauplatz wurde die Grabgrube oder ein Fundamentgraben ausgehoben.Die Trägersteine wurden herumgelegt und mit Hilfe von Hebebäumen und Verkeilsteinen,mit der glatten Seite nach innen, in die Grube gedrückt und aufgerichtet.Die meist unregelmäßige Unterseite wurde durch untergelegte Standsteinegesichert. Oft wurden die aufgerichteten Wandsteine durch Packungen ausfeucht gestampftem Lehm gesichert. Im Innenraum bildete der Stampflehmden Boden der Grabkammer. Außen umgab er nach dem Austrocknen die Kammerals fester Mantel. Anschließend wurde um das Bauwerk herum der Hügel aufgeschichtet,wozu besonders Rollsteine Verwendung fanden. In der Grabkammer wurdendie Lücken zwischen den großen Träger- bzw. Wandsteinen mit einem Trockenmauerwerkausgefüllt und mit Lehm verstrichen. Bevor die Decksteine aufgebrachtwurden, mußte die Grabkammer abgestützt werden, damit nicht etwa die mühsamaufgerichteten Wände durch das Hinaufschleifen der Decksteine beschädigtoder umgestoßen wurden. Dazu wurden wahrscheinlich hölzerne Stützkonstruktionenoder eine Steinpackung als Abstützung in die Grabkammer eingebaut (E.Nagel 1984). Auf einer gesondert angelegten Rampe, die mit Rollsteinenverstärkt wurde oder auf der Böschung des Grabhügels wurden mit Hilfeder oben genannten Transportmittel die Decksteine über die Grabkammergeschleift. Nach dem Ausräumen der Stützkonstruktion konnte der Innenausbauder Grabkammer beginnen. Die Wände wurden in ihren oberen Teilen abgedichtet.Der Boden der Kammer wurde häufig mit einem Steinpflaster ausgelegt unddurch Reihen aus kleinen, hochkant stehenden Steinplatten in mehrere "Quartiere"aufgeteilt. Zum Abschluß wurde der Grabhügel mit einer Einfassung ausSteinen versehen, seiner Form entsprechend entweder als runder Steinkreisoder als viereckiges Hünenbett.


Arbeits- und Zeitaufwand
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Auf der Grundlageexperimentell-archäologischer Erfahrungen mit Erd- und Steinarbeiten sowiekonkreter völkerkundlicher Beobachtungen entwickelte der Freiburger ArchäologeJohannes Müller (1990) ein EDV-Programm, das die Arbeitsleistungen fürmonumentale Steinanlagen unter Einsatz einfacher vorindustrieeller technischerHilfsmittel berechnet. Er ermittelte den Arbeitsaufwand für ein großesGanggrab mit 49 Meter langem Hünenbett bei Kleinkneten, Landkreis Oldenburg.Danach hätten 100 Personen bei einem zehnstündigen Arbeitstag in etwa3 Monaten diese große Anlage errichten können. Die Ergebnisse liegenerstaunlich unter früheren Berechnungen oder Vermutungen, die mituntermehrere Jahre oder Jarhzehnte für den Bau einer Megalithgrabanlage veranschlagten.Den größten Arbeitsaufwand erforderte der Transport der großen Steine.Beim Einsatz von Rollen oder Schlitten waren pro Tonne Gewicht 15 Menschenzum Ziehen mit Seilen erforderlich. Den Transport des 4 Tonnen schwerenDecksteins vom erweiterten Dolmen Brüssow-Hammelstall hätten also 60 Arbeitskräftebewerkstelligen können. Beachtliche Transportleistungen mußten auch fürdas Stein- und Erdmaterial des Grabhügels und die Einfassung erbrachtwerden. Grundvoraussetzung für Berechnungen der Arbeitsleistungen istdie "Quantifizierung" der Megalithanlage, d.h. die Ermittlung des Volumensund des Gewichts jedes einzelnen Bauelementes. Es ist zu beachten, daßnicht für alle Arbeitsschritte gleich viele Arbeitskräfte erforderlichwaren, daß andererseits auch manche Arbeitsgänge parallel verliefen. Beieinem erweiterten Dolmen unseres Gebietes, z.B. dem Mürower Grab wirdman auf der relativ kleinen Baustelle für das Aufrichten der 5 Trägersteineden Einsatz von 12 Arbeitskräften annehmen können. Diese benötigten fürdiese Arbeiten etwa 12 bis 13 neunstündige Arbeitstage. Für das Auflegender beiden etwa 4 Tonnen schweren Decksteine waren, wie vorher beim Transport,erheblich mehr Personen erforderlich. Beim Einsatz von 60 Arbeitskräftenkönnte diese Arbeit an einem Tag erledigt werden.


5. Funktion der Großsteingräber
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Einzelbestattungoder Erbbegräbnis ? |Knochendepot- ein eigenartiger Bestattungsritus |Beigabenfür die Existenz in Jenseits |EinHaus für die Toten |Gemeinschaftder Lebenden mit den Ahnen |Megalithgräberwerden "geschlossen"

Als die Archäologensich für die Großsteingräber im Bereich der heutigen Märkischen Eiszeitstraßezu interessieren begannen, waren die meisten Grabanlagen bereits ausgeräumt.Zu ihrer Interpretation kann weitgehend auf die Ergebnisse des mehrfacherwähnten Forschungsprogramms (E. Schuldt 1972) zurückgegriffen werden.


Einzelbestattung oder Erbbegräbnis ?
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Die Gräberder Trichterbecherkultur, sowohl die Erdgräber wie auch die Großsteingräber,wurden in unmittelbarer Nähe der Siedlungen teilweise auch in den Siedlungenangelegt. Die Urdolmen waren, ähnlich wie die Steinkisten, ursprünglichnur für die Bestattung eines Toten bestimmt. Die Zugangsöffnungen beiden obertägigen Urdolmen und in den erweiterten Dolmen darauf hin, daßhier offenbar beabsichtigt war, weitere Verstorbene einer Sippe oder Siedlungsgemeinschaftbeizusetzen. Wir sprechen von einem "Kollektivgrab". Die Zugangsmöglichkeitenweisen auch eingegrabene Urdolmen auf. Somit dürften auch sie für mehrereBestattungen vorgesehen sein.


Knochendepot - ein eigenartiger Bestattungsritus
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In allenGroßsteingräbern, deren ursprügliche Bestattungen erhalten geblieben waren,stellten E. Schuldt und seine Mitarbeiter einen ungewöhnlichen Bestattungsritusfest: " Die Toten lagen z. T. in mehreren Lagen übereinander, wobei dieSchichten durch Sand oder Lehmschüttungen getrennt und abgedeckt waren.In keinem Grab konnten echte Körperbestattungen erkannt werden, d. h.es gab keine Toten, die in Streck- oder Hockerlage angetroffen wurden.Immer waren die Gebeine in größeren oder kleineren Haufen zusammengelegt,und sicher enthielten die einzelnen Depots nicht alle Gebeine der Skelette.Wir müssen aus diesen immer wieder gemachten Beobachtungen folgern, daßdie Toten, bevor sie ihren Platz in den Grabkammern erhielten, bereitsan anderen Stellen niedergelegt waren." Aus der Völkerkunde sind Bestattungsritenbekannt, in denen wurden die Verstorbenen auf besonderen Plätzen oderPodesten aufgebahrt bis die Körper verwest und zerfallen waren. Die Knochenwurden danach eingesammelt und gesondert bestattet. Die Stellen der erstenBestattungen sind der Forschung bisher unbekannt geblieben. Aus der Völkerkundesind auch Bestattungsriten bekannt, in denen mehrfache Ausgrabung und"Umbettung" der Bestatteten üblich waren (J. E. Lips 1953).


Beigaben für die Existenz in Jenseits
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Beigabenfür die Bestatteten in den Großsteingräbern sind Tongefäße, Äxte und Beilesowie Meißel aus Feuerstein, Pfeilspitzen und Schmuck, der mitunter ausBernsteinperlen besteht (E. Schuldt 1966, S. 16f.). Aus der Beigabe vonGegenständen des täglichen Gebrauchs, Waffen Schmuck und Nahrungsmittelnlassen auf Vorstellungen schließen, daß die Seelen oder Geister der Verstorbenenweiter existierten. Nicht selten fanden die Ausgräber auch Gegenständevon Beigabencharakter außerhalb von Großsteingräbern (Keramik, Steingeräteund Waffen). Diese Befunde werden unterschiedlich interpretiert. E. Schuldtsah in diesen Funden, die Überreste von Beigaben der Bestattungen in denMegalithgräbern, die anläßlich späterer Bestattungen ausgeräumt wurden.Bei dänischen Großsteingräbern schloß man auf die Überreste von Zeremonien,die am Grab zu Ehren der Verstorbenen abgehalten wurden.


Ein Haus für die Toten
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Unter demEindruck der in Dänemark ausgegrabenen großflächigen Häuser der Trichterbecherkulturinterpretierte der Kieler Archäologe Gustav Schwantes (1952, S. 155) einHünenbett mit megalithischen Kammern: "Wie die Lebenden in den Zimmernlanggestreckter Häuser wohnten, so sollte auch den Toten ein derartigesLanghaus gehören. Die Wände dieses Totenhauses sind mit großen Findlingssteinenabgestützt, deren eben Flächen nach außen gewandt sind. Das Innere wurdemit Erde gefüllt, in die man die Wohnräume für die Toten einbaute, ebendie erwähnten Steinkammern. Lücken in der steinernen Außenwand führtenzu einem Gang, durch den man in die Totenkammer gelangen konnte."


Gemeinschaft der Lebenden mit den Ahnen
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Wie vieleAckerbauernvölker haben wohl auch die jungsteinzeitlichen Bauern der Trichterbecherkulturein enges Verhältnis zu ihren verstorbenen Ahnen gepflegt. Dies erschließtsich auch aus dem unmittelbaren räumlichen Zusammenhang zwischen Siedlungenund den Gräbern. Die Großsteingräber symbolisieren das dauernde Gedächtnis,welches verbunden mit Zeremonien und Opfergaben die Geister der Ahnenzum Schutz und Nutzen der Lebenden an die Gemeinschaft binden sollten.Nach außen markieren die Grabmale unübersehbar die Territorien und repräsentierendie Kraft und den Zusammenhalt der Siedlungsgemeinschaften, Sippen oderGroßfamilien, die in der Lage waren, derartige Monumente zu errichten.


Megalithgräber werden "geschlossen"
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Nach einerhistorisch kurzen Zeitspanne von etwa sieben Menschengenerationen wurdendie in den Großsteingräbern noch verbliebenen Hohlräume mit Erde und Rollsteinenzugefüllt. Neue Megalithanlagen wurden nicht errichtet. Man ging zu anderenBestattungssitten über. Die "Kugelamphorenleute" nutzten die vorhandenenGräber und bestatteten ihre Verstorbenen ebenfalls darin (H. Keiling 1986).In diesem Zusammenhang wurden nicht selten die älteren Bestattungen gestörtoder gar ausgeräumt. Nachbestattungen wurden im späten Neolithikum nurnoch in den Einfüllschichten der Großsteingräber vorgenommen.