Mittelalterliche Klöster im Gebiet der Märkischen Eiszeitstraße
Vorwort | Klostergründungen | Politische Funktionen | Wirtschaftliche Funktionen | Kulturelle Funktionen | Besonderheiten der Nonnenklöster | Backsteingotik und Ordensregeln | Klosterbauhütten und Backstein als Baumaterial | Niedergang der Klöster und Reformation |
Kulturelle Funktionen
Bei all ihren Widersprüchen gehörten die Klöster mit ihren mannigfachen europäischen Bezügen zu den "geistigen Vätern" des mittelalterlichen Kulturfortschritts im Umfeld der Märkischen Eiszeitstrasse. Sie wirkten als Zentren der christlichen Religion und Ethik, der Baukunst und Bautechnik, der Agrikultur und der Wasserbautechnik sowie sozial-karitativer Tätigkeiten. Hier und dort wurden sie auch in Wissenschaft und Bildung wirksam. Sie waren nicht nur "Empfänger" westlicher Impulse oder Nachahmer westlicher Kultur, sondern mit ihren Schöpfungen entstand auch Eigenständiges, Einmaliges. Dies wird unmissverständlich an der hohen Baukunst des Klosters Chorin demonstriert, die ihrerseits ausstrahlte auf sakrale Bauten im Umland.
Die kontinuierliche Aufnahme moderner Erkenntnisse und praktischer Erfahrungen aus ganz Europa bewirkte ihre geistige Überlegenheit. Ein Netz von Beziehungen band sie ein in die Klosterlandschaft von Italien und Frankreich bis in die Neumark (heute Republik Polen). Die lateinische Sprache war das internationale "Verbundnetz" für die Kommunikation der Orden. Die Zisterzienser waren in zentralistischer Weise über Mutterklöster und Filiationen als Kongregation europaweit straff organisiert. Einmal im Jahr hatten sich alle Äbte zu einem Generalkapitel einzufinden, wo Erfahrungen ordensintern vermittelt und gemeinsame Strategien festgelegt wurden. Von den Franziskanern und Dominikaner ist bekannt, dass sie bei ihren Begegnungen im Generalkapitel ebenso Wissensaustausch international pflegten und ihre Kenntnisse über Missionsreisen ständig erweiterten.
Die Landesherren sahen im Wirken der Klöster eine ideale Verbindung ihrer ideologischen Interessen zur Stabilisierung des
feudalen Systems mit den religiösen und sittlichen Bedürfnissen der Bevölkerung. Auch war die geistige Unterwerfung freier
Bauern (im Nordosten Brandenburgs gab es keine Leibeigenen) und freier Bürger in den Städten unter die feudale Macht
angesagt. Den ansässigen Slawen wurde der christliche Glaube von außen "übergestülpt". Alte religiöse Traditionen und
Riten mussten durch eine neue Spiritualität christlicher Religion ersetzt werden.
Die wichtigste Aufgabe der Klöster bestand darin, der Feudalordnung das geistige Potenzial zu liefern - weniger
intellektuell-vernunftmäßig, dafür stark religiös-gefühlsmäßig. Der Neubeginn östlich der Elbe verlangte den deutschen
Kolonisten zunächst alle Kräfte zur Lebenserhaltung ab. Die Mehrheit kam aus übervölkerten westeuropäischen Ländern, arm
und ohne jegliche Bildung. Ihr Bewusstsein erwarben sie vornehmlich über eigenes Erleben und ihre Sinne. Das Zusammenleben
in den dörflichen und städtischen Gemeinschaften bedurfte sittlicher Orientierungen und Regeln zur praktischen
Lebensführung. Die monastische Lebensweise und die höhere Bildung empfahlen die Mönche als "Ordner" der Gesellschaft und
verschafften ihnen besonderes Ansehen bei der Bevölkerung. Vornehmlich von den Reformorden ging eine Lebensart aus, die
den sittlichen Bedürfnissen der Kolonisten und ihrer Religiosität nahe kam. Diese Orden reformierten sich im Verlaufe
ihrer Geschichte mehrfach selbst und vollzogen immer wieder eine "Selbstreinigung". Besonders die Zisterzienser fanden
auf dem Lande mit ihrem Ideal "ora et labora" (bete und arbeite) Anklang. Ihre Klöster waren "Werkstätten", in denen
eine faszinierende praktische Lebenskunst gepflegt wurde.
Neben der Arbeitsethik zeichneten die Zisterzienser weitere Kulturleistungen aus. Sie wurden weniger als Schöpfer neuen,
vielmehr als praktischer Anwender vorhandenen Wissens berühmt, so mit ihrer Agrarwirtschaft. Ihre einmalige Baukunst und
Bautechnik war in weitem Umkreis beispielgebend. Der "Nettelgraben" in Chorin erinnert als Baudenkmal noch heute an ihre
Führung im Wasserbau. Ihre "Betriebsorganisation" auf den Grangien zeugte von effizienten Formen des Wirtschaftens. Auch
nutzten sie die Naturkräfte wohldurchdacht.
Im späteren Mittelalter veränderte sich die Spiritualität in den Kirchen, Pestwellen und Kriege, Überfälle der Raubritter und die ständig wechselnden Landesherren verunsicherten im
14. Jahrhundert die Bewohner der Region und vertieften ihre Frömmigkeit. Die Religiosität bedurfte zunehmend äußerer Zeichen
und Rituale. Auch von den Klöstern wurde die ursprünglich angestrebte Verinnerlichung des Glaubens mehr und mehr durch
Äußerlichkeit ersetzt. War zunächst nur der Marienkult verbreitet, fanden nunmehr auch andere Heilige als Vermittler
zwischen Gott und den Menschen ihren Einzug. Für den spirituellen Umbruch innerhalb des Zisterzienserordens, bei dem
ursprünglich die Anbetung von Personen verboten war, steht 1334 die Weihe von sieben neuen Altären im Kloster Chorin,
wobei der Hauptaltar der Marienverehrung vorbehalten blieb. Andere Altäre ließen Fürbitte erwarten von Allen Heiligen,
Johannes dem Täufer und Johannes dem Evangelisten, den Ordensheiligen Benedikt von Nursia und Bernhard von Clairvaux,
den Märtyrern Stephanus und Laurentius, den heiligen Jungfrauen Katharina und Agathe.
Der Wunderglaube gewann eine unermessliche Bedeutung für die Glaubwürdigkeit der Religion. Er trapierte sich mit Symbolen und
Reliquien. Dieser Fetischglaube als kulturelles Phänomen entsprach der Mentalität der mittelalterlichen Bevölkerung. An
wunderwirksamen Stätten erhofften sich die Menschen Linderung ihrer Leiden. Mit der Legende vom Hostienfrevel und vom
Wunderblut wurde Zehdenick Wallfahrtsort. Die Idee stammte vom Berliner Franziskaner Herman von Langele,
dem Beichtvater der brandenburgischen Markgrafen Johann I. und Otto III. Die Faszination der "blutenden Hostien" brachte
dem Nonnenkloster reiche Einnahmen.
Über die Kulturleistungen der Orden in intellektuell - vernunftmäßiger Hinsicht gibt es viele "weiße Flecken" in der
Forschung, aber erste Ansätze der Aufklärung.
Bei den Serviten in Altlandsberg wurde wahrscheinlich in der Volkssprache gepredigt. Ihr Ordensbruder Matthias von Beheim
hatte bereits 1343 die vier Evangelien aus dem Latein in eine mitteldeutsche Sprache übertragen. In welcher Sprache die
Predigt bei den Franziskanern und Dominikanern in den Städten der Region gehalten wurde, ist nicht bekannt.
Weitgehend offen ist, wie vorhandenes Wissen in den Klosterbibliotheken und Skriptorien "verwaltet" und aufbereitet wurde.
Aus Visitationsprotokollen geht hervor, dass Zisterzienser, Franziskaner, Dominikaner und Serviten eigene Bibliotheken
besaßen. Auch von den gebildeten Prämonstratensern ist dies anzunehmen. Leider sind in der Region alle Buchbestände
abhandengekommen. Offen ist ebenfalls, in welcher Weise und mit welchen Inhalten Wissen als Untermauerung des Glaubens
neu erarbeitet wurde. Auch gibt es nur sehr spärliche Kenntnisse zur Heilkunde der Mönche oder zu ihrem juristischen
Wirken.
Besonders die Bettelorden waren bemüht, neben der Ausbildung von Stiftsklerikern und Mönchen an den theologischen Fakultäten
der Universitäten in den eigenen Konventen Möglichkeiten des Studiums anzubieten, so die Strausberger Dominikaner.
Die Zisterzienser bildeten an der um 1500 gegründeten Universität Viadrina in Frankfurt/Oder ein eigenes Ordenskolleg,
das jedoch von der Zentrale des Ordens in Citeaux nicht anerkannt, ja sogar verboten wurde.
In bizarrem Widerspruch zum starken humanistischen Kulturerbe der Klöster stehen ihre Aktionen der Inquisition. In den aufblühenden Städten im Nordosten Brandenburgs waren neuartige soziale Strukturen mit Interessengegensätzen entstanden, die eine gegen die katholische Kirche gerichtete "Ketzerbewegung" hervorbrachten. Die Papstkirche fand in den neuen Bettelorden eine Gegenbewegung zur Abwehr von Häresien (Irrlehren). Das Armutsideal, nur von Almosen zu leben, die Prediger- und Seelsorgetätigkeit sowie die Kranken- und Armenpflege brachten sie in hohes Ansehen bei der Stadtbevölkerung. Besonders die Franziskaner in Angermünde und Prenzlau hatten direkten Kontakt zu den ärmeren Schichten der Bevölkerung und wurden von ihnen verehrt. Die Dominikaner in Prenzlau und Stausberg wirkten hingegen als Predigerorden für die Reicheren und Gebildeten der Städte. Ihre intellektuelle Überlegenheit gab ihnen dafür das notwendige elitäre Selbstbewusstsein.
Beide Bettelorden wurden in der Region als "Verteidiger des rechtmäßigen Glaubens" gegen Andersdenkende wirksam. Mit Geboten und Tabus wurde kanalisiert, was im Glauben richtig und was falsch und welche Handlungen gut und welche zu verurteilen waren. Gepredigt wurde: Demut vor Gott und Demut vor der "gottgewollten" gesellschaftlichen Ordnung; die Befreiung von Not wurde auf das Jenseits verlegt mit dem Versprechen, dass die Armut auf Erden Wohlergehen im Himmel sichere; anzustreben sei Enthaltsamkeit und Verzicht auf Sinnenlust; Ehelosigkeit stand höher als die Ehe; jegliche Körperlichkeit war verpönt.
Im Gefolge der Zuspitzung feudaler Widersprüche verstärkte die Papstkirche mit der Inquisition auch im Nordosten Brandenburgs ihre Abwehr gegen Andersdenkende. Das erste Inquisitionsverfahren - der Legende nach ausgelöst von einem Angermünder Franziskaner - fand 1336 gegen "Ketzer" in Angermünde statt. Nach der urkundlichen Überlieferung waren im ersten Verfahren tätig: der Magdeburger Augustiner-Eremit Jordanus, der Berliner Franziskanerguardian Nikolaus, der Probst von Seehausen Vivanz und der Brandenburger Offizial Dietrich. Die Anklage richtete sich gegen die in der Uckermark ansässigen "Waldenser". Diese Laienbrüderbewegung geht auf den Lyoner Kaufmann Petrus Waldes zurück. Sie stellte die christliche Armut ins Zentrum des Glaubens und zog die Hierarchie und Autorität der Kirche sowie die heiligen Sakramente in Zweifel. Die Angermünder "Waldenser" bezichtigte man des Luziferianismus,14 Personen wurden zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. 1392 - 1394 kam es in Stettin zu der wohl umfangreichsten Inquisition gegen ca. 450 "Waldenser" aus Pommern, der Uckermark und der Neumark, bei der auch Einwohner aus den Dörfern um Angermünde angeklagt waren. Seither trägt diese Stadt im Volksmund den Namen "Ketzer-Angermünde". Der Prozess stand unter Führung des Coelestiner-Ordensprovinzial Peter Zwicker. Einige Verhöre wurden auch im Prämonstratenserstift Gramzow ausgeführt. Die Protokolle des gesamten Verfahrens fanden sich im Archiv des Dominikanerklosters Prenzlau. In einem Inquisitionsprozess von 1458, der in der Angermünder Propstei stattfand, wurden die männlichen Bewohner der Dörfer Kerkow und Klein Ziethen wegen Häresieverdacht angeklagt. Die Leitung des Prozesses hatten der Frankfurter Universitätsprofessor und Franziskaner Johannes Kannemann, der Angermünder Guardian der Franziskaner Johannes Dannenwolde und Probst Georg Kemnater sowie der Choriner Abt Tobias.
© Märkische Eiszeitstraße, M. Klebert, 2008